                      *Zwangsrekrutierungen in Serbien*



                 Ein Bericht der "Frauen in Schwarz"/Belgrad



   Anfang August  meldete  das  Bonner  Innenministerium  einen drastischen
   Anstieg von Flchtlingen,"u.a. aus Bosnien  und Montenegro", die im Juli
   in der Bundesrepublik  Asyl beantragt htten.   Eine Meldung von vielen,
   die  uns  derzeit  aus  dem  Krieg  in  Ex-Jugoslawien  erreichen?   Der
   nachfolgende Bericht der  "Frauen in  Schwarz"/Belgrad dokumentiert, wie
   dramatisch die Situation im Kriegsgebiet  fr die Menschen ist, die sich
   dem Morden  entziehen wollen:  Mitte Juni  begann in  Serbien die grte
   Mobilisierung  seit Herbst  1991,  als  der  Krieg  in  Kroatien begann.
   Serbisches Militr, Polizei  und paramilitrische  Gruppen machten Jagd,
   auch auf Jugendliche  und Rentner und  verschleppten sie -  zum Teil mit
   brutaler Gewalt - in die Kampfzonen.


   Deportation von Deserteuren
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   Den Hintergrund  bildet  die  Entscheidung des  Parlaments  der Republik
   Srpska Krajina (Republik der Serben in der Krajina - fn) vom 29. Mai zur
   Mobilisierung (Vreme,  19.  Juni).   Dort  verlangt man  von Serbien und
   Montenegro, alle Deserteure  des Krieges  unmittelbar in  die Krajina zu
   deportieren.  Dieses Parlament wurde  von Radmilo Bogdanovic besucht, er
   ist ein hochgestellter Funktionr der SPS (= Regierungspartei Serbiens -
   fn) und zugleich Prsident des jugoslawischen Parlamentsrates fr Serben
   auerhalb Serbiens.  Er erklrte, da  das "Schicksal von Leuten aus der
   Republik Srpska und  Srpska Krajina, Teil der  Frsorge fr Serbien ist,
   ohne das  nher zu  benennen" (Vreme,  19.   Juni).   Bratislava Morina,
   Flchtlingskommissarin der serbischen Regierung erklrte: "Meine Aufgabe
   ist es, mich um Frauen  und Kinder zu kmmern und  nicht um Mnner - die
   sollen zurckgehen  und ihre  Huser  verteidigen" (Nasa  Borba, 17./18.
   Juni).
   In der  ersten Woche  wurden nur  jene mobilisiert,  die einen  Bezug zu
   Kroatien haben;  vom 18.   Juni  an  auch Flchtlinge  und Leute  die in
   Bosnien geboren sind - sie  werden aufgesammelt und dorthin verbrachtet.
   Im  Unterschied   zu  frheren   Aktionen.  Als   nur  Kriegsflchtlinge
   (Fahnenflchtige und Deserteure) mobilisiert wurden, zielt man jetzt auf
   alle Mnner  im  Alter von  18-60 Jahre,  die  in Kroatien  oder Bosnien
   geboren wurden bzw.  von dort  stammen.   Die Staatsangehrigkeit (viele
   haben die  serbische,  dci  sie  lange vor  dem  Krieg  kamen)  bzw. der
   Flchtlingsstatus (Internationaler  humanitrer Schutz)  etc. wird dabei
   nicht beachtet.    Es werden  auch  Leute  aus Bosnien  und  der Krajina
   mobilisiert, die in Serbien eine Aufenthaltsgenehmigung besitzen. (... )
   Die  offiziellen   Medien  des   Staates   berichten  nichts   ber  die
   Mobilisierungen.  Lediglich  in einem Artikel  der Ekspress Politika vom
   20.     Juni  wurde   behauptet,   da  dies   eine  weitere   Lge  von
   AntikriegsaktivistInnen und  bereits bekannten  serbischen Verrterlnnen
   sei.  Das Innenministerium gibt in einer Erklrung vom 24.  Juni an, da
   die Kontrollen zum  Ziel haben, Personen zu  finden, die illegal wohnen"
   oder "in kriminelle Aktivitten  oder andere Straftaten engagiert sind".
   Mittlerweile wurden  Tausende von  Leuten (Vreme  schtzte am  19.  Juni
   zwischen 6.000 und  20.000) gefangen  - in  Straen, Cafs, Restaurants,
   Studentenunterknften, Schulabschlufeiern,  Flchtlingscamps.   Riesige
   Razzien haben stattgefunden  und alle Busse  und Zge wurden durchsucht.
   Die schwierigste Situation  in der  Vojvodina, wo die  meisten Leute mit
   einem Bezug zu Kroatien leben.   Die folgenden Informationen bekamen wir
   durch Telefonanrufe, Zeugenaussagen  und Medien, Artikel  in Nasa Borba,
   Vreme, Telegraf, Politika, Radio B 92 und Studio B.


   Mobilisierung in Flchtlingslagern
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   In Pancevo fhrten  sie eine Razzia in  einem Flchtlingslager durch und
   nahmen  alle Manner  fest.  (Politika,  14.  Juni)  Das Flchtlingslager
   Zveszdani Gaj wurde  letzte Woche kontrolliert.   Sie nahmen alle Mnner
   fest. (Zeugenaussage)


   Mobilisierung in Straen und Bussen
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   Momcilo Vukso aus Zagreb, ein serbischer Staatsangehriger, wurde am 13.
   Juni an einer Autobahnkontrollstelle mobilisiert. (Vreme, 19. Juni)
   Am 21.   Juni berprfte die Polizei  in Belgrad einen  Bus der Linie 26
   und rekrutierte einen Mann. (Zeugenaussage)
   Am 22.  Juni berichtete Radio B 92, da serbische Polizei die Strae des
   29.  November abgesperrt hat und die ganze Strae berprfte.
   In Belgrad wurde  am 20.   Juni  ein Bus der  Linie 31  gestoppt, um die
   Leute zu berprfen. (Zeugenaussage)


   Rekrutierung in Cafs und Restaurants
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   Serbische Polizei  umstellte in  Belgrad  das Caf  Havanna und  nahm 80
   Leute mit. (Radio B 92, 22.  Juni)
   Es gab eine Razzia in einem Caf in Neu-Belgrad. (Politik, 22.  Juni)
   Am 23.   Juni  umstellte die  serbische Polizei  die Pizzeria  "Orao" in
   Belgrad (nahe dem Bro  der Frauen in Schwarz")  und machte eine Razzia.
   Drei in Bosnien geborene Mnner wurden rekrutiert. (Zeugenaussage).


   Mobilisierung in Studentenunterknften
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   Am  17.  Juni  fuhr  serbische   Polizei  mit  einem  Sonderbus  zu  den
   Studentenunterknften  "4.   April"   und   "Studentski   Grad".     Die
   angetroffenen studentischen  Flchtlinge wurden  mitgenommen.   Man lie
   ihnen nicht  mal  Zeit das  Notwendigste  aus ihren  Rumen mitzunehmen.
   (Naso Borba, 18.  Juni)


   Rekrutierung vor und whrend Schulabschlufeiern
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   Am 14.   Juni wurden  bei der  Schulabschlufeier der  Hheren Schule in
   Kikinda, Vojvodina,  im  Hotel  Narvik drei  Schler  mitgenommen. (Naso
   Borba, 15, Juni)
   Velimir Stanic, ein 18jhriger Flchtling  aus Bosnien wurde in Novi Sad
   vor seiner Abschlufeier mobilisiert. (Naso Borba, 26. Juni)


   Mobilisierung serbischer Brger
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   Der in Belgrad geborene serbische Brger Aleksandar Zurkic, wurde am 13.
   Juni in  seiner Wohnung  mobilisiert.   Er  ist nun  in Krajina.   Seine
   Familie befindet sich im Hungerstreik. (Naso Borba, 26.  Juni)
   Der 1938  geborene Rentner  Milos Pavlin  wurde am  15.   Juni in seinem
   Apartment  in   Vrbas/Vojvodina   mobilisiert.      Er   ist  serbischer
   Staatsangehriger, wurde in Serbien geboren  und lebte sein ganzes [eben
   dort.   Es gelang ihm  die Flucht  - nun  geht er  gerichtlich gegen die
   illegale Festnahme  und  den  zwangsweisen Transport  noch  Krajina vor,
   (Nasa Borba, 26.  Juni)
   In Nasa  Borba  ist ein  Einberufungsbescheid  an den  serbsichen Brger
   Cedomir Atilja abgedruckt;  dieser ist  in Kroatien gebore  n, lebt aber
   seit 1978 in Serbien. (Naso Borba, ... Rest fehlt - fn).
   Igor Selter wurde in einem Bus rekrutiert, nur weil er in Zogreb geboren
   ist.   Er wurde wieder  freigelassen als  er nachwies,  da er Jugoslawe
   ist. (Telegraf, 12.  Juni)
   Am 20, Juni wurde  Jovica Ninkovic, ein Serbe,  auf einer Strae in Novi
   Sad rekrutiert.   Gerade 18, wurde  er als bester  Schler seiner Schule
   ausgezeichnet.   Er  ist als  einziger  mobilisiert worden,  weil  er in
   Bosnien geboren ist.   Noch drei Tagen wurde  der Fehler entdeckt und er
   freigelassen. (Nasa Borba, 26. Juni)
   Der Serbe Dragan Nenezio, geboren in Voljevo (vielleicht Voljevo/Serbien
   - fn)  wurde mobilisiert.   Er arbeitete  als Offizier  in Mostar, wurde
   1988 in den Ruhestand versetzt und hatte sich in Serbien niedergelassen.
   (Naso Borba, 28. Juni)


   Zwangsmobilisierung
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   In einigen  Ortschaften  (Hrtkovci, Nikinci,  Boska  in Srem)  wurde der
   Strom und das Telefon whrend der Razzien abgestellt. (Zeugenaussage von
   Dr. Milan Radovonovic, Kukujevci, Srem)
   Die Polizei hat das Recht, bei den Festnahmen Gewalt anzuwenden.
   So wurde ein  Mann angeschossen, als  er zu fliehen  versuchte (in Stara
   Pazova) und einige andere wurden verletzt. (Nasa Borba, 23.  Juni)
   Mirko Drljaca  aus  Hrtkovci wurde  an  beiden Beinen  verletzt,  als er
   versuchte der Mobilisierung zu widerstehen. (Telegraf, 21. Juni)
   Der Archologe  Momcilo Cerovic  ist verletzt  worden als  er zu fliehen
   versuchte. (Naso Borba, 28.  Juni)


   Mobilisierung fr den Krieg in Bosnien und in der Krajina
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   Die Rekrutierung  wird von  der  serbischen Polizei  in Uniform  oder in
   Zivil durchgefhrt.    Militrpolizei  aus der  Republik  der serbischen
   Krajina  nimmt in  ihren  Uniformen  an  den  Aktionen  teil.   Manchmal
   befinden sich die Polizisten auch im Hintergrund. (Telegraf, 26.  Juni)
   Alle in  Serbien  festgenommen  oder rekrutierten  Leute  werden  in die
   folgenden Regionalzentren  fr Rekrutierungen  gesandt: Belgrad (Volgina
   7, Zvezdara).   Nis,  Novi  Sad, Valjevo  ... Dort  berprfen serbische
   Behrden, zusammen mit  Vertretern aus Krajina,  die Festgenommenen nach
   "Fehlern" und senden  die mobilisierten  Mnner dann zu  den Kasernen in
   Sremska Mitrovica  - das  ist eine  serbische Stadt  nahe der  Grenze zu
   Krajina und den bosnisch-serbischen Territorien.
   Ein Beispiel:  Fnf Freiwillige  von Arkans  paramilitrischen Einheiten
   arbeiten in  ihren Uniformen  in dem  Sammelzentrum fr  Rekrutierung in
   Sresmka Mitrovica (Vreme, 26. Juni).
   In diesem Zentrum  verbleiben die Mobilisierten  ein paar Tage, bekommen
   ihre  Position mitgeteilt  und  werden  dann  mit  Bussen  entweder noch
   Krajina oder in die Territorien der bosnischen Serben gebracht.
   Bislang konnten es einige organisieren, ihre Familien aus Benkovac, Knin
   (Krajina) oder Bjeljina (Bosnien) anzurufen. (Nasa Borba, 26. Juni; auch
   Vreme, Telegraf und Zeugenaussagen)


   Zeugenaussagen
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   Diese Rekrutierung steht im Widerspruch  zur serbischen Vefassung und zu
   etlichen Gesetzen:  - zum  serbischen  Flchtlingsgesetz, das  das Leben
   aller Flchtlinge  auf  dem Territorium  Serbiens  garantiert und  - zum
   Verteidigungs- und Armee-Gesetz, nach dem lediglich serbische Brger auf
   serbischem Territorium  militrdienstpflichtig sind.   Die Mobilisierung
   stellt eine Verletzung  der Genfer Konvention  dar, nach der Flchtlinge
   mit dem entsprechenden Status nicht mobilisiert werden drfen.
   Unsere Hauptsorge ist, wie wir  diese Mnner und Frauen schtzen knnen,
   obgleich unsere Mglichkeiten sehr begrenzt sind.  Wir raten allen, sich
   zu verstecken, auch  den Familienangehrigen.   Die  uns bekannten Flle
   geben wir an die unabhngigen Medien weiter. (... )
   Wir versuchen,  die auslndische  ffentlichkeit zu  beeinflussen, damit
   die entsprechenden  Auenministerien auf  die serbische  Regierung Druck
   ausben,  damit  diese  die  Rekrutierungen  stoppt.    Bislang  gibt es
   Proteste des UN-Hochkommissariats fr Flchtlinge (dort haben bislang 70
   Leute um Hilfe  nachgesucht) und des  franzsischen Geschftstrgers der
   die europischen Staaten bei der Europischen Union reprsentiert.


   Autoren:  Bojan Aleksov (,Frauen in Schwarz'/Belgrad) und Rudi Friedrich
   ("Connection e.V.'/Offenbach).  bersetzung/  Franz  Nadler ("Connection
   e.V."/Offenbach).

